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July 23, 2014 at 9:30pm

… und der Gemeinwille schweigt - zum Tod von Iring Fetscher

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"Wenn wir so weiter machen wie bisher, dann geht es uns allen schlecht und daher müssen wir etwas ändern." So hat mir Iring Fetscher vor zwei Jahren geantwortet, als ich ihn nach der utopischen Kraft in Rousseaus Werk gefragt habe. Dem Gegenbild einer erträumten idealen Gesellschaft hat Fetscher nie vertraut. Aber ebenso war ihm klar, dass ein "immer weiter so wie bisher" noch weniger Potenzial für Zukunft hat. In dieser Überzeugung hat ihn Rousseaus kritische Betrachtung der eigenen Zeit bestärkt.

"Neue Freunde des denkenden, jungen Mannes" - unter dieser Überschrift in einem Fotobuch der Familie Fetscher stehen die Porträts von Rousseau, Hegel und Marx. Bereits im Kalten Krieg habe Fetscher Marx aus den ideologischen Schützengräben herausgeführt und dessen Theorien neu auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben, heißt es in einem Nachruf in der tageszeitung. An Rousseau faszinierte Fetscher die radikale Kritik der eigenen Gesellschaft. Die Zuneigung zu Rousseau hätte ihn für die zünftige Wissenschaft eigentlich hoch verdächtig machen müssen, schrieb die Süddeutsche Zeitung.

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Mit Rousseaus politischer Philosophie, erschienen 1959, legte Fetscher den Grundstein für seine wissenschaftliche Arbeit. Darin wendet er sich vor allem Rousseaus Begriff der volonté générale zu: “Wenn die Menschen aufhören, das Gemeinwohl zu wollen und sich damit als Citoyens zu verhalten, wenn sie über dem Wohl ihrer Person oder ihrer Gruppe und Clique das des Ganzen vergessen, dann hören sie nämlich nach Rousseau auf, ein Volk zu bilden, und der Gemeinwille schweigt.” Volk verstehe Rousseau dabei immer als politischen, nie als ethnischen Begriff, betonte Fetscher (Iring Fetscher: Rousseaus politische Philosophie, 3. überarbeitete Auflage, Frankfurt: Suhrkamp 1980, S.129). 

Dass die kapitalistische Gesellschaft mit einem solchen Gemeinwohl-Denken ihre Schwierigkeiten hat, war für Fetscher offensichtlich. Ja, es mag Gesellschaften geben wie vielleicht die norwegische nach dem islamfeindlichen Anschlag vom 22.7.2011, die eigene Werte des Zusammenlebens überzeugend zum Ausdruck zu bringen vermag. In Deutschland nahm Fetscher eher “das typische Mittel der Herstellung von Gemeinschaftsgefühl durch aggressive Abgrenzung gegen zu Feinden gemachte Andere“ wahr. 

Fetscher wurde am 4. März 1922 in Marbach am Neckar geboren. Als Achtjähriger soll er schon klare Vorstellungen zum Zusammenleben der Menschen entwickelt haben: “Alle Leute haben die gleichen Wohnungen, dann gibt es keinen Zank. Mitten in den Häusern ist ein Zimmer, in das bringt jeder sein Geld, das er nicht braucht, und davon bekommen die Armen.” Nach Abitur und einer Zeit als Soldat der Wehrmacht studierte er nach dem Krieg in Paris und Tübingen Philosophie, Germanistik, Romanistik und Geschichte. 1963 wurde Fetscher als Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt berufen. Politisch engagierte er sich in der SPD-Grundwertekommission ebenso wie bei Greenpeace - letzteres auf Initiative seiner Tochter Caroline. Am 19. Juli starb Iring Fetscher in Frankfurt am Main.  

June 27, 2013 at 2:34pm

am falschen Ort oder zur falschen Zeit geboren

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Vier Wochen vor seinem 70. Lebensjahr ist in Berlin der Schriftsteller, Journalist und Rousseau-Übersetzer Henning Ritter gestorben. Viele Nachrufe wie in der FAZ oder der NZZ würdigten Ritters Übersetzungen von Rousseau-Schriften ins Deutsche. Erst im vergangenen Jahr erschien unter dem Titel “Ich sah eine andere Welt” eine Auswahl von Briefen, die Ritter übersetzte.  

Im Nachwort geht Ritter dort auf das von Rousseau beschworene Unglück ein, am falschen Ort oder zur falschen Zeit geboren zu sein:

"Es war ein Unglück, das er überall wahrzunehmen meinte und das er schließlich auf die Geschichte der ganzen Menschheit projizierte."

In einem Beitrag zum Tod Ritters schrieb der Schriftsteller Martin Mosebach heute in der FAZ:

"Rousseau verkörperte für Ritter die Möglichkeit, mit sich selbst nicht solidarisch zu sein; sein Spott kam aus der Überzeugung, dass wir uns nur noch nicht weit genug von uns selbst entfernt haben, wenn wir nicht erkennen, wie komisch wir sind und wie fragmentarisch alles ist, was wir ins Werk setzen." 

In seinen Visionen konnte Rousseau das Fragmentarische überwinden, sich an einen “richtigen” Ort und in die dazu passende Zeit träumen. Das hat ihn für seine Zeitgenossen wie für die Nachgeborenen nicht verständlicher gemacht. Es ging ihm dabei nicht um eine Flucht vor der Wirklichkeit. Im Sehen einer anderen Welt erkannte Rousseau eine noch nicht eingetretene, aber doch mögliche Realität, eine, deren denkbare Existenz die dem Menschen unpassende Zeit verändern kann.

December 2, 2012 at 9:47pm

Radikal Rousseau-fremd

Gesine Schwan, In: philosophie magazin 01/2013

Das "Philosophie Magazin" hat in seiner Ausgabe 1/2013 ein schönes Special zum ausklingenden Rousseau-Jahr. Aufgelockert mit stimmigen Illustrationen von Hélène Bouilly wird der Jubilar als “größter Skeptiker” der Aufklärung dargestellt: “Gegen den Fortschrittsoptimismus der Zeit formuliert er radikale Zivilisationskritik.” Das provoziert auch heute noch diejenigen, die tapfer das Fähnlein der Aufklärung hochhalten. So urteilt Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin, SPD-Mitglied und zwei Mal gescheiterte Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, über Rousseau: “Radikal weltfremd”. Ihr Gedankengang zum Einstieg der kleinen Polemik hätte allerdings etwas mehr philosophische Stringenz vertragen können.

Schwan wirft Rousseau vor, ” großartig formuliert” zwar die Ketten der Zivilisation beklagt zu haben, aber keine Möglichkeiten aufgezeigt zu haben, diese zu überwinden. Sagt Schwan. Rousseau sagt im Contrat Social«Trouver une forme d’association qui défende et protège de toute la force commune la personne et les biens de chaque associé, et par laquelle chacun, s’unissant à tous, n’obéisse pourtant qu’à lui-même, et reste aussi libre qu’auparavant. » Tel est le problème fondamental dont le Contrat social donne la solution.” Schade dass Schwan Rousseau nicht gelesen oder zumindest nicht verstanden hat, bevor sie über ihn geschrieben hat. 

Weil sie sich deswegen ihrer Sache wohl doch nicht so ganz sicher ist, schränkt sie nach ihrem Urteil gleich ein: “Zumindest halte ich sein Staatsmodell, das ohne repräsentative und vermittelnde Institutionen auskommen will, für ungeeignet.” Rousseau Gesellschaftsvertrag sieht durchaus ein Vermitteln vor - sonst könnten ja die Partikularinteressen nicht in einem Gemeinwohl aufgelöst werden. Aber ohne historisches Denken ist es halt nicht so einfach, sich etwas anderes als das Bestehende vorzustellen. 

So schreibt die Wissenschaftlerin weiter, Rousseaus Volonté générale verlange “ein Maß an republikanischer Tugend, das an jeder Realität vorbeigeht” und übernimmt von der konservativen Geschichtsschreibung zur Französischen Revolution die Theorie einer “totalitären Gefahr in seinem Denken”. Robbespierre, ick hör dir trappsen. Schon erstaunlich, dass ein Anti-Aufklärer im 18. Jahrhundert die Geschichte der Zivilisation offener gedacht hat als Spät-Aufklärer, die ihre Zivilisation für das Non-Plus-Ultra der Geschichte halten. 

September 24, 2012 at 2:57pm

Quelle: Wikipedia

Der Schlusschor aus Rousseaus Musikspiel “Le Devin du Village” (Dorfwahrsager) war umjubelter Höhepunkt des Konzert- und Theaterabends “Melodien für viele - Oder: Rousseau und die Musik” mit dem Theaterkollektiv happysystem und Sängerinnen und Sängern der Sing-Akademie zu Berlin:

Allons danser sous les ormeaux
Animez-vous, jeunes fillettes:
Allons danser sous les ormeaux,
Galants, prenez vos chalumeaux!

September 22, 2012 at 11:40pm

Kolloquium “Genuss bei Rousseau” - Tag 3

Der dritte und letzte Tag des Kolloquiums “Genuss bei Rousseau” schließt an die Fragen zum Verhältnis Rousseaus zur Kunst an und entwirft dann Fragmente für eine ”Landkarte der Außenansichten von Rousseau” (Brigitte Heymann). Nach den Betrachtungen zur Ablehnung des Theaters bei Rousseau mahnt Elisabeth Décultot (Berlin), diese negative Haltung zur Kunst, wie sie im Discours sur les sciences et les arts (1750) entwickelt worden sei, dürfe nicht ohne Bezug zur Kunstanthropologie gesehen werden, die Rousseau in seinen späteren Schriften entworfen habe. Dort entwirft er ein Panorama der Künste, denen er eine bestimmte Wirkung auf die menschliche Seele zuschreibt. Décultot zeigt, wie Rousseau sich an die sensualistische Kunsttheorie von Jean-Baptiste Du Bos (1670-1742)  anschließt, der in seinen “Réflexions critiques sur la poésie et sur la peinture” Modus und Grad der Einwirkungskraft auf das Empfinden zum wichtigsten Kriterium für die Einteilung der Künste gemacht habe. Rousseau aber kehrt Du Bos um - das Gesehene ist für ihn nur äußerlich bleibende Nachahmung. Wenn es darum geht, die Leidenschaften und das Herz zu bewegen, besitzen Sprache und Klang laut Rousseau eine weit größere Wirkung als das Bild. Bereits 1751 veröffentlichte Lessing eine ausführliche Rezension von Rousseaus Discours. Für den Schweizer Johann Georg Sulzer (1720-1779) mit seiner “Allgemeinen Theorie der Schönen Künste” (1771-1774) ist Rousseau der Philosoph, der die Einwirkung der Künste auf das menschliche Gemüt am eindringlichsten beschrieben hat. Für Sulzer, mit dem die neue Disziplin der Ästhetik Fahrt aufnahm, haben die schönen Künste ihren Grundsatz nicht mehr im Nachahmen, sondern im Empfinden. Im Anschluss an Rousseau weist Sulzer so auch dem Gehör die höchste Wirkungskraft zu. 

Eine enge Verbindung zwischen ästhetischer Wahrnehmung, künstlerischer Erfahrung und dem sinnlichen Genuss stellte Giuseppe Parini (1729-1799) her, mit dem sich Irene Fantappiè (Berlin) beschäftigt. Ähnlich wie Rousseau sorgt auch Parini für eine inhaltliche Differenzierung von Genuss. Dessen Haltung zu Rousseau sei allerdings nicht offensichtlich, sondern müsse erst aus einem satirischen Spiegelspiel herausgefiltert werden, erklärt Fantappiè. Der italienische Aufklärer kritisierte Voltaire als Vertreter des Hedonismus und sah bei Rousseau vor allem die Verachtung aktueller Standpunkte, auch in der Philosophie. In seinen Oden lehnt sich Parini an Positionen Rousseaus an, etwa in der Kritik an Handel und Luxus. 

Den Blick des konservativen Ideologen Edmund Burke (1729-1797) auf Rousseau stellt der Literaturwissenschaftler Ludwig Pfeiffer(Frankfurt/Main). Er zitiert Burke mit dem Satz: ”We are not the converts of Rousseau.” Denn diesen hält er für den entscheidenden Modelllieferanten der Französischen Revolution. Die Teilnehmer des Kolloquiums können nach den Vorträgen der Vortage Burkes Einschätzung nachvollziehen, dass bei Rousseau die Selbstreflektion in das unkontrollierbar Imaginäre abdrifte. Schwieriger wird es, wenn Burke von der Schönheit des Ancien Régime, von seiner Erhabenheit spricht - da gab es ja noch etwas mehr als Marie Antoinette. 

Mit einem Vortrag von Lena Seauve (Berlin) richtet das Kolloquium schließlich den Blick auf die Rezeption Rousseaus in der polnischen Kultur. Sie macht sich auf die Spurensuche von Rousseaus Kritik des Lesens in Jean Potockis (1761-1815) “Manuscrit trouvé à Saragosse”. Seine eigene Leselust hat Rousseau in den Confessions als eine mit Schuld behaftete fureur dargestellt. Im Émile kommt der Spaß am Lesen nicht vor, “schon gar nicht mit dem Begriff der jouissance”, wie Seauve analysiert. Potocki habe sich in einer philosophisch-literarischen Verwandtschaft zu Rousseau gefühlt. Auf einer Marokkoreise suchte er 1791 den Rückzug zur Natur und stilisierte sich als einsamer Träumer. Auch beschäftigte er sich eingehend mit Rousseaus Gesellschaftstheorie. In dem mit bis zu fünf Binnenebenen verschachtelten Roman “Die Handschrift von Saragossa” dient Lesen als “Substitut für nicht gemachte oder nicht machbare Erfahrungen”. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, aus Erziehungsgründen. “Wichtig ist nicht, ob die Erfahrung echt ist, sondern welche Wirkung sie erzielt”, erklärt Seauve mit Blick auf Rousseau und merkt an, dass die Wirkung Abenteuerlust wohl nicht im Sinne Rousseaus gewesen wäre.

Den letzten Vortrag der Tagung hält Kostek Szydlowski (Warschau/Berlin). Er zeichnet die polnische Rezeption von Rousseau im 18. und 19. Jahrhundert nach. Diese erreicht früh einen Höhepunkt, in den 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts: “Es galt in der Aristokratie als très chic, mit Rousseau einen Briefwechsel zu führen, dabei haben die Frauen den Ton angegeben.” Izabella Lubomirska (1733-1816) ließ 1790 ein Denkmal für Rousseau errichten, dem “rare divin sublime ecrivain”. Izabela Czartoryska (1743-1835) - das oben gezeigte Gemälde zeigt ihr Porträt - lernte Rousseau noch persönlich in Paris kennen. In der nächsten Generation war es Maria Anna Czartoryska (1768-1854), später durch Heirat zur Herzogin von Württemberg geworden, die sich von Rousseau anrühren ließ und mit ihrem Roman “Malwina oder Instinkt des Herzens” (1816) “relativen Erfolg” hatte. 

Nach dem Verlust der polnischen Staatlichkeit (1795) rückten Rousseaus politische Schriften stärker ins Zentrum der polnischen Rezeptionsgeschichte, insbesondere die “Considération sur le gouvernement de Pologne” (1771/72). Dies zeigt sich etwa bei Stanisław Wawrzyniec Staszic (1755-1826). Für Adam Mickiewicz (1798-1855) und seinen Zyklus Totenfeier (oder Ahnenfeier, ab 1823), sei bislang meist der Einfluss von Goethes Werther betont worden, erklärt Kostek Szydlowski. Tatsächlich aber könne in diesem Werk eher eine Art Überwindung von Werther mit den Mitteln von Rousseaus Émile gesehen werden. So weise die Liebesgeschichte der Totenfeier Ähnlichkeiten zu Émile und Sophie auf. 

Zum Schluss von drei intensiven Tagen mit Rousseau dankten Veranstalter und Teilnehmer einander. Das eigentliche Schlusswort zum Kolloquium kam aber schon etwas früher von Ludwig Pfeiffer, der über Rousseau sagt: “Irgendwie kommt man an kein Ende mit ihm.”

2:13am
"Melodien für viele - Oder: Rousseau und die Musik" - so lautet das Motto einer "theatralischen Erkundung" mit dem Theaterkollektiv happysystem und Sängerinnen und Sängern der Sing-Akademie zu Berlin zum Kolloquium "Genuss bei Rousseau". Der Abend in der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte beginnt mit einer Inszenierung zu Rousseaus Werk "Sur l’origine des langues", einer imagination des Urzustands und der Entstehung von Sprache und Musik. Über Gesten und Blicke, dann über erste Laute und das Ausprobieren von Instrumenten entstehen auf der Bühne Musik und die ersten Worte: “Aimez-moi”. 
Im Mitteilteil des Programms schlagen die Künstler Begriffe in Rousseaus “Dictionnaire de la musique” nach und interpretieren diese mit Werken von Rousseau, Vivaldi (großartig die Interpretation von Martin Ripper auf der Altblockflöte) und Rameau. Zum Schluss inszenieren die Künstler erst eine Schweizer Almwiese, ehe sie den Schlusschor aus Rousseaus Werk “Le Devin du village” anstimmen: “Allons danser sous les ormaux!” 
Der gute Jean-Jacques lächelt dazu gnädig von der Wand und hätte bestimmt seinen Spaß an dem lebendigen bis ironischen Treiben gehabt.

"Melodien für viele - Oder: Rousseau und die Musik" - so lautet das Motto einer "theatralischen Erkundung" mit dem Theaterkollektiv happysystem und Sängerinnen und Sängern der Sing-Akademie zu Berlin zum Kolloquium "Genuss bei Rousseau". Der Abend in der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte beginnt mit einer Inszenierung zu Rousseaus Werk "Sur l’origine des langues", einer imagination des Urzustands und der Entstehung von Sprache und Musik. Über Gesten und Blicke, dann über erste Laute und das Ausprobieren von Instrumenten entstehen auf der Bühne Musik und die ersten Worte: “Aimez-moi”. 

Im Mitteilteil des Programms schlagen die Künstler Begriffe in Rousseaus “Dictionnaire de la musique” nach und interpretieren diese mit Werken von Rousseau, Vivaldi (großartig die Interpretation von Martin Ripper auf der Altblockflöte) und Rameau. Zum Schluss inszenieren die Künstler erst eine Schweizer Almwiese, ehe sie den Schlusschor aus Rousseaus Werk “Le Devin du village” anstimmen: “Allons danser sous les ormaux!” 

Der gute Jean-Jacques lächelt dazu gnädig von der Wand und hätte bestimmt seinen Spaß an dem lebendigen bis ironischen Treiben gehabt.

1:46am

Kolloquium “Genuss bei Rousseau” - Tag 2

Der zweite Tag des Kolloquiums über Genuss bei Rousseau steht im Zeichen der Künste. Zuerst stellt Cecilia Hurley (Paris) dar, wie Rousseau musealisiert wurde, Eingang fand in dem “auf den Trümmern des Ancien Regime errichteten” Musée des Monuments français. Von den Zeitgenossen als Vorläufer der Französischen Revolution betrachtet, wurde Porträts des Philosophen in den Salon der Grands Hommes der Revolution ausgestellt. Im Garten des Museums, des ehemaligen Klosters der Augstinerbrüder, befand sich zeitweise das Grab von Héloïse (1100-1164) und Pierre Abélard (1079-1142), deren Liebesgeschichte Rousseau zu “Julie ou La Nouvelle Héloïse” inspirierte. 

Michel Delon (Paris) referiert über die Beziehungen zwischen Rousseau und dem Marquis de Sade (1740-1814): Für beide ist es das Vergnügen am Unbekannten, am Neuen, das die jouissance vergrößert - der Sorbonne-Professor wagt dazu den Vergleich mit dem neuen iPhone 5. Für Rousseau war es vor allem das Reisen in unbekannte Gefilde, das ihm den Genuss am Neuen beschert, aber auch der immer wieder neue Frühling, das Erwachen der Natur. Rousseaus jouissance stellt sich als “accumulation des sensations agréables” dar, die Liebschaften auf dem Land, die kleinen Häuser, mit ihrer Anhäufung von Details und Dekor. Auch in Sades “Histoire de Juliette” (1799) gehe es um die Suche nach Neuem, ums Reisen, um die Grenzüberschreitung, führt Delon aus: “Contre la morale publique il recherche des plaisirs nouveaux.” In der “Juliette” zeigen sich demnach vier Etappen der Erfahrung neuer plaisirs, die mit der “Auswahl eines Objekts” beginnen und über die zeitlich befristete Hinwendung sowie die anschließende Einsamkeit mit der imagination zum Aufschreiben, zur Literatur führen. In der Diskussion zum Vortrag wurde als Unterschied zwischen Rousseau und Sade angeführt, dass plaisir für Jean-Jacques stets eine subjektive Empfindung bleibe, für den Marquis hingegen eine Art innere Objektivität erhalten habe.

Als weitere Spielwiese des Genusses gibt dann Nancy Diguerher (Paris) die “résonances philosophiques du plaisir en musique” wieder, mit einem Vergleich zwischen Rousseau und Rameau. Sie zeichnete nach, wie der anerkannte Komponist für Rousseau zunächst Vorbild und Autorität war, wie dann aber die Rivalität zwischen beiden wuchs: Rousseau gibt der italienischen Musik den Vorzug vor der französischen. Für Rousseau ist es die ursprünglichere, an den Melodien ausgerichtete Musik, die ihn zu Tränen rührt. In der raffinierteren Gestaltung neuer Harmonien hingegen sieht er etwas Gekünsteltes. “C’est le philosophe en lui qui explique la musique.”

In seinem Vortrag über “Julie et le plaisir dans La Nouvelle Héloïse” führt Christophe Martin (Paris) dann aus, wie Rousseau in Julie der “jouissance de l’amour et la jouissance feminine” begegnet. Rousseau habe etwa in der Beschreibung des Gartens eine “extreme Erotisierung” betrieben, diese mit Sehnsucht und Melancholie verbunden, um dann aufzuzeigen, wie der Verzicht auf körperliche jouissance eine jouissance supplementaire ermöglicht, die dann mit der öffentlichen Moral kompatibel ist. 

Mit Ausführungen über das Melodram “Pygmalion” leitet Nathalie Kremer (Paris) dann zum Bühnenwerk Rousseaus über und zu seiner Kritik am Theater. In der Sage vom Bildhauer, der sich in seine Statue verliebt, sieht die Literaturwissenschaftlerin ein weiteres Indiz dafür, dass für Rousseau das Genießen (hier: plaisir) mit der Distanz noch zunimmt. Und sie erkennt hier einen weiteren Belag für narzisstische Tendenzen bei Rousseau. Rousseau habe mit diesem Fragment gebliebenen Werk sein Publikum unterhalten wollen, aber im Begriff divertissement ist auch der detour und die deviation enthalten - hier gibt es Abschweifungen, Umleitungen und Umwege. Ganz im Unterschied zu der von Adorno als Kulturindustrie abgelehnten Unterhaltung der Gegenwart, könnte man ergänzen. 

Brigitte Heymann (Berlin) lenkt dann erstmals den Blick auf die Botanik. Ihr Ausgangspunkt ist die Begegnung von Bernardin de St. Pierre mit Rousseau 1772 in Paris. St. Pierre müht sich um Rousseaus Freundschaft, schickt ihm Kaffee und präsentiert seltene exotische Früchte. Aber Rousseau Botanik ist eher an den heimischen Gräsern und Kräutern interessiert. Auch hier wird das Bruchstückhafte wieder Thema: “Botanisches Wissen ist a priori fragmentarisch”, erklärt die Wissenschaftlerin. Im Botanisieren erfährt sich das Subjekt als reflektierend, “solcher Genuss lässt sich nicht intentional herbeiführen, es bedarf nur einer geöffneten Tür der Wahrnehmung”. 

Zum Abschluss des zweiten Tages führt die Berliner Romanistin Vanessa de Senarclens das Kolloquium zu Rousseaus Lettre à d’Alembert sur les spectacles (1758). Die gebürtige Genferin stellt dar, warum Rousseau auf diese Weise auf D’Alemberts Enzyklopädie-Artikel “Geneve” reagiert hat - dieser hatte kritisiert, dass in Genf keine Theateraufführungen erlaubt sind. Rousseau aber will das Theater in Genf verhindern und die republikanische Ordnung der Stadt vor fremden Einfluss beschützen. In der Analyse einer Fußnote sammelt de Senarclens Indizien dafür, dass es sich bei dem dort erwähnten modernen Historiker vermutlich um David Hume handelt, der 1757 einen “Essay on tragedy” veröffentlicht hat. Im Theater sieht Rousseau einen Quell psychischer Destabilisierung des Zuschauers: Die Vorstellungen auf der Bühne wecken Bedürfnisse, die den Menschen unglücklich machen - dies führe dazu, dass eine Frau lieber von einem leidenschaftlichen Liebhaber ermordet als mittelmäßig geliebt werden wolle. Oder in den eigenen Worten der Wissenschaftlerin: “Das normale Leben ist schon verrückt genug, da braucht man nicht auch noch das Theater dazu.”

September 20, 2012 at 10:01pm
Internationales Kolloquium “Genuss bei Rousseau” Humboldt-Universität und Centre Marc Bloch, Berlin
Plaisir, jouissance, delice, charme, exstase, sensation, … - Rousseau hat viele Begriffe für den Genuss, führt Prof. Dr. Elisabeth Décultot vom Centre Marc Bloch zum Auftakt des Kolloquiums aus. “Auch die Betrachtung blühender Pflanzen ruft bei ihm immer wieder plaisir hervor”, notiert Décultot. Sie spricht von einer verwirrenden Ausdehnung des Genussbegriffs bei Rousseau und fragt: Ist eine systematische Unterscheidung von Genussformen möglich? 
Als erster macht sich der Romanist Roland Galle auf die Suche nach einer Antwort. Der emeritierte Professor aus Essen will “Aspekte der Semantik von jouir und jouissance" erkunden. Dazu spannt er einen Bogen von Augustin (Genuss abhängig vom summum bonum = Gott), über Montaigne und Diderot - in dieser Entwicklung wächst das Verständnis, dass der Mensch selbst zur Quelle von Genuss werden kann. So unterschiedlich diese drei auch sind, laut Galle ist ihnen gemeinsam, dass sie alle auf ein umfassendes Konzept der Welt bezogen sind. Anders bei Jean-Jacques Rousseau: Für ihn "wird Jouissance zum Erkennungsmal des Andersseins". Rousseaus Explorationen in den Bereich des Genusses seien Vorstöße in eine terra incognita, die immer von Verwunderung begleitet sei.
Anschaulich analysiert Galle den Anhang zur Nouvelle Héloise mit den “Amours de Milord Édouard Bomston”. Rousseau habe jouissance von possession getrennt, die jouissance von der brutale volupté abgelöst, das Junktim von Vergnügen und Besitz aufgehoben. “Das Nichtbesitzen wird zur Quelle von Genuss.” Dabei sei die jouissance nicht auf Wohlwollen des Gegenübers angewiesen, sondern nur auf die Gefühlsstärke des eigenen Ichs. Rousseau führt eine neue Dialektik in die Genussdiskussion ein: Verzicht kann zur Umgestaltung der menschlichen Natur beitragen, der Akt des Selbstverzichts ermöglicht eine Veredelung von Liebe, die die besitzorientierte Liebe nie erreichen kann. 
In der komplizierten Dreiecksgeschichte von Milord Edouard, der neapolitanischen Marquise und der Kurtisane Laura bringen alle drei jeweils unterschiedliche Opfer: Der Verzicht der verheirateten Marquise steigert die Liebe Edouards. Dadurch verändert sich auch Laura, in ihr wird der Keim zu einer tugendhaften Liebe gelegt, und sie verweigert sich dem Milord. “Die Marquise wollte ihre körperliche Lust an Laura delegieren, ihr Plan wird zunichte gemacht, sie wird von einer jalousie infernale befallen.” Tja, das Leben ist kompliziert. 

Roland Galle (Essen) über Exerzitien der Liebe bei #Rousseau: Verzicht auf besitzorientierte Liebe steigert die jouissance.
— Peter Zschunke (@pedromiramis) September 20, 2012
In der anschließenden Diskussion antwortet Galle auf eine Frage nach der imagination, dass diese durchaus auf Vermittlungsinstanzen angewiesen sei wie ein Porträt. “Die intensivsten Liebesszenen bei Rousseau sind die der Imagination.”
Im nächsten Vortrag spricht der Berliner Romanist Helmut Pfeiffer über “Le plaisir de jouissance. Selbst- und Fremdreferenz des Genusses bei Rousseau”. Er führt aus, wie bei Rousseau die Semantik des Genusses zum anthropologischen Code wird. Die Beobachtung fremden Genusses, etwa auf Festen, werde zur Identifikation, wenn die Imagination die Empfindung verstärkt. Für Rousseau wird es wichtig, das aufzuschreiben und zu lesen, das Erfahrene auf diese Weise immer wieder neu zu wiederholen. “Die Schrift fixiert die Erlebnisquanten des Genusses, entzieht ihn ihrer Ereignishaftigkeit.” Daher habe Rousseau den eigenen Text ohne Rücksicht auf das Publikum geschrieben. 
Nach der Mittagspause unternimmt Bernhard Teuber (München) eine “Genealogie des Genusses”. In seinem Vortrag über “Jean-Jacques au Féminin. Genuss des Anfangs und Anfang des Genießens im Denken Rousseaus” fragt er: Wie steht Rousseau in der Moderne da? Gehört er überhaupt dazu oder nicht? Teuber stellt zunächst etwas ausführlicher als am Vormittag die neuplatonische Begründung des Genusses bei Augustin dar: “Genießen heißt, in Liebe irgendeinem Ding um seiner selbst willen anhangen”. Augustin unterscheidet uti (gebrauchen) und frui (genießen). Der Gebrauch richtet sich auf das in der Seins-Hierarchie Niederrangige, der Genuss auf das in der Sein-Hierarchie Höchstrangige, also Gott. Das Genießen richtet sich dann auch auf andere, die mit uns zusammen das Höchstrangige lieben. Genuss ohne Gott ist bei Augustin nicht denkbar, Genuss und Transzendenz sind eng miteinander verknüpft. Für Augustin geht es darum, den Leib nicht zu genießen, sondern zu gebrauchen - hier sieht Teuber ein “aktiv-männliches” Konzept im Verhältnis zum asketisch-soldatischen Körper. 
Im nächsten Schritt stellt Teuber die mystische Begründung des Genusses in der innerseelischen Immanenz bei Madame Guyon vor. In der Tradition der Mystikerin Teresa de Avila tritt hier eine ”Feminisierung des Konzepts als spezifisch weibliche jouissance" ein: Gott schenkt der Seele Erfahrungen des Genusses, die als überaus lustvoll empfunden und nicht grundsätzlich abgelehnt werden. Auf der höheren Stufe nimmt die Seele Gott ganz in sich auf und wird dann ununterscheidbar, das wird zum theologischen Problem. 
Weiter geht die Traditionslehre über François Fénelon und die dann für Rousseau so einflussreiche Unterscheidung von pur amour und amour propre: “Der pur amour genießt den Liebespartner im Sinne des augustinischen frui und erwartet keinerlei Gewinn. Der amour propre gebraucht und missbraucht damit den Liebespartner im Sinne des augustinischen uti.” Aus dem pur amour wird die vollkommen absichtslose jouissance, womit wir bei Rousseau angekommen sind, dem “empfindsamen und imaginierenden Subjekt”. In dessen Genussvorstellung werde die männliche Geschlechterrolle des genießenden Subjekts fragwürdig, führt Teuber aus und entwirft
Rousseaus Topologie des Genusses: 
Konzept ist an die sensualistische Anthropologie der Empfindsamkeit geknüpft
Genuss erwächst aus dem Auszug des Selbst aus der Gesellschaft und aus der Rückwendung auf sich selbst
Im Selbst begegnet es nicht einem Anderen, auch nicht der Gottheit, sondern seinem eigenen Sinnesapparat und seiner Imagination, welche die nicht stattfindende Begegnung mit dem anderen supplementieren - hier sieht Teuber eine “eher narzisstische Struktur dieses Genusses”
Selbst in der Extase des Genusses kommt es zu keinem Selbstverlust wie in der Mystik, sondern zur Affirmation und Stärkung des eigenen Selbst
Der Habitus des Genusses ist “passiv-weiblich” semantisiert
Reduktion von Männlichkeitsattributen des Selbst: Stilisierung des Selbst zum “polymorph Perversen”, Exhibitionismus, anale Fixierung, Inhibition, Aufschub, Inzest, Feier der passions douces statt der passions violentes
Fokus des Genusses zielt auf die eigene Vergangenheit, wendet sich zurück an einen realen oder imaginären Anfang


Bernhard Teuber (München): Evokation des Anfangs bei #Rousseau beschwört mystische Indistinktion vor Trennung der Geschlechter #postgender
— Peter Zschunke (@pedromiramis) September 20, 2012


In der Diskussion geht es um die Gender-Perspective bei Jacques Lacan, um das Verhältnis zwischen Symbolischem und Imaginärem. Und um die letztlich wohl nie restlos zu klärende Frage, ob die berühmten Findelkinder Rousseaus tatsächlich existierten oder eine Erfindung waren.

Zum Schluss des ersten Tages setzt Christine Hamman die Fragmente von Rousseaus “L’art de jouir” zusammen, die teilweise noch nicht editiert sind, aber zur Gesamtdeutung einladen und in der Zusammenschau neu gelesen werden wollen. Hier finden sich eindrucksvolle Sentenzen wie “Mon cœur est à l’étroit dans les bornes des êtres ; j’étouffe dans l’univers, je voudrais m’élancer dans l’infini.”

Internationales Kolloquium “Genuss bei Rousseau” 
Humboldt-Universität und Centre Marc Bloch, Berlin

Plaisir, jouissance, delice, charme, exstase, sensation, … - Rousseau hat viele Begriffe für den Genuss, führt Prof. Dr. Elisabeth Décultot vom Centre Marc Bloch zum Auftakt des Kolloquiums aus. “Auch die Betrachtung blühender Pflanzen ruft bei ihm immer wieder plaisir hervor”, notiert Décultot. Sie spricht von einer verwirrenden Ausdehnung des Genussbegriffs bei Rousseau und fragt: Ist eine systematische Unterscheidung von Genussformen möglich? 

Als erster macht sich der Romanist Roland Galle auf die Suche nach einer Antwort. Der emeritierte Professor aus Essen will “Aspekte der Semantik von jouir und jouissance" erkunden. Dazu spannt er einen Bogen von Augustin (Genuss abhängig vom summum bonum = Gott), über Montaigne und Diderot - in dieser Entwicklung wächst das Verständnis, dass der Mensch selbst zur Quelle von Genuss werden kann. So unterschiedlich diese drei auch sind, laut Galle ist ihnen gemeinsam, dass sie alle auf ein umfassendes Konzept der Welt bezogen sind. Anders bei Jean-Jacques Rousseau: Für ihn "wird Jouissance zum Erkennungsmal des Andersseins". Rousseaus Explorationen in den Bereich des Genusses seien Vorstöße in eine terra incognita, die immer von Verwunderung begleitet sei.

Anschaulich analysiert Galle den Anhang zur Nouvelle Héloise mit den “Amours de Milord Édouard Bomston”. Rousseau habe jouissance von possession getrennt, die jouissance von der brutale volupté abgelöst, das Junktim von Vergnügen und Besitz aufgehoben. “Das Nichtbesitzen wird zur Quelle von Genuss.” Dabei sei die jouissance nicht auf Wohlwollen des Gegenübers angewiesen, sondern nur auf die Gefühlsstärke des eigenen Ichs. Rousseau führt eine neue Dialektik in die Genussdiskussion ein: Verzicht kann zur Umgestaltung der menschlichen Natur beitragen, der Akt des Selbstverzichts ermöglicht eine Veredelung von Liebe, die die besitzorientierte Liebe nie erreichen kann. 

In der komplizierten Dreiecksgeschichte von Milord Edouard, der neapolitanischen Marquise und der Kurtisane Laura bringen alle drei jeweils unterschiedliche Opfer: Der Verzicht der verheirateten Marquise steigert die Liebe Edouards. Dadurch verändert sich auch Laura, in ihr wird der Keim zu einer tugendhaften Liebe gelegt, und sie verweigert sich dem Milord. “Die Marquise wollte ihre körperliche Lust an Laura delegieren, ihr Plan wird zunichte gemacht, sie wird von einer jalousie infernale befallen.” Tja, das Leben ist kompliziert. 

In der anschließenden Diskussion antwortet Galle auf eine Frage nach der imagination, dass diese durchaus auf Vermittlungsinstanzen angewiesen sei wie ein Porträt. “Die intensivsten Liebesszenen bei Rousseau sind die der Imagination.”

Im nächsten Vortrag spricht der Berliner Romanist Helmut Pfeiffer über “Le plaisir de jouissance. Selbst- und Fremdreferenz des Genusses bei Rousseau”. Er führt aus, wie bei Rousseau die Semantik des Genusses zum anthropologischen Code wird. Die Beobachtung fremden Genusses, etwa auf Festen, werde zur Identifikation, wenn die Imagination die Empfindung verstärkt. Für Rousseau wird es wichtig, das aufzuschreiben und zu lesen, das Erfahrene auf diese Weise immer wieder neu zu wiederholen. “Die Schrift fixiert die Erlebnisquanten des Genusses, entzieht ihn ihrer Ereignishaftigkeit.” Daher habe Rousseau den eigenen Text ohne Rücksicht auf das Publikum geschrieben. 

Nach der Mittagspause unternimmt Bernhard Teuber (München) eine “Genealogie des Genusses”. In seinem Vortrag über “Jean-Jacques au Féminin. Genuss des Anfangs und Anfang des Genießens im Denken Rousseaus” fragt er: Wie steht Rousseau in der Moderne da? Gehört er überhaupt dazu oder nicht? Teuber stellt zunächst etwas ausführlicher als am Vormittag die neuplatonische Begründung des Genusses bei Augustin dar: “Genießen heißt, in Liebe irgendeinem Ding um seiner selbst willen anhangen”. Augustin unterscheidet uti (gebrauchen) und frui (genießen). Der Gebrauch richtet sich auf das in der Seins-Hierarchie Niederrangige, der Genuss auf das in der Sein-Hierarchie Höchstrangige, also Gott. Das Genießen richtet sich dann auch auf andere, die mit uns zusammen das Höchstrangige lieben. Genuss ohne Gott ist bei Augustin nicht denkbar, Genuss und Transzendenz sind eng miteinander verknüpft. Für Augustin geht es darum, den Leib nicht zu genießen, sondern zu gebrauchen - hier sieht Teuber ein “aktiv-männliches” Konzept im Verhältnis zum asketisch-soldatischen Körper. 

Im nächsten Schritt stellt Teuber die mystische Begründung des Genusses in der innerseelischen Immanenz bei Madame Guyon vor. In der Tradition der Mystikerin Teresa de Avila tritt hier eine ”Feminisierung des Konzepts als spezifisch weibliche jouissance" ein: Gott schenkt der Seele Erfahrungen des Genusses, die als überaus lustvoll empfunden und nicht grundsätzlich abgelehnt werden. Auf der höheren Stufe nimmt die Seele Gott ganz in sich auf und wird dann ununterscheidbar, das wird zum theologischen Problem. 

Weiter geht die Traditionslehre über François Fénelon und die dann für Rousseau so einflussreiche Unterscheidung von pur amour und amour propre: “Der pur amour genießt den Liebespartner im Sinne des augustinischen frui und erwartet keinerlei Gewinn. Der amour propre gebraucht und missbraucht damit den Liebespartner im Sinne des augustinischen uti.” Aus dem pur amour wird die vollkommen absichtslose jouissance, womit wir bei Rousseau angekommen sind, dem “empfindsamen und imaginierenden Subjekt”. In dessen Genussvorstellung werde die männliche Geschlechterrolle des genießenden Subjekts fragwürdig, führt Teuber aus und entwirft

Rousseaus Topologie des Genusses: 

  1. Konzept ist an die sensualistische Anthropologie der Empfindsamkeit geknüpft
  2. Genuss erwächst aus dem Auszug des Selbst aus der Gesellschaft und aus der Rückwendung auf sich selbst
  3. Im Selbst begegnet es nicht einem Anderen, auch nicht der Gottheit, sondern seinem eigenen Sinnesapparat und seiner Imagination, welche die nicht stattfindende Begegnung mit dem anderen supplementieren - hier sieht Teuber eine “eher narzisstische Struktur dieses Genusses”
  4. Selbst in der Extase des Genusses kommt es zu keinem Selbstverlust wie in der Mystik, sondern zur Affirmation und Stärkung des eigenen Selbst
  5. Der Habitus des Genusses ist “passiv-weiblich” semantisiert
  6. Reduktion von Männlichkeitsattributen des Selbst: Stilisierung des Selbst zum “polymorph Perversen”, Exhibitionismus, anale Fixierung, Inhibition, Aufschub, Inzest, Feier der passions douces statt der passions violentes
  7. Fokus des Genusses zielt auf die eigene Vergangenheit, wendet sich zurück an einen realen oder imaginären Anfang
In der Diskussion geht es um die Gender-Perspective bei Jacques Lacan, um das Verhältnis zwischen Symbolischem und Imaginärem. Und um die letztlich wohl nie restlos zu klärende Frage, ob die berühmten Findelkinder Rousseaus tatsächlich existierten oder eine Erfindung waren.
Zum Schluss des ersten Tages setzt Christine Hamman die Fragmente von Rousseaus “L’art de jouir” zusammen, die teilweise noch nicht editiert sind, aber zur Gesamtdeutung einladen und in der Zusammenschau neu gelesen werden wollen. Hier finden sich eindrucksvolle Sentenzen wie “Mon cœur est à l’étroit dans les bornes des êtres ; j’étouffe dans l’univers, je voudrais m’élancer dans l’infini.”